Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth im Interview mit Norman Gräter Podcast “Stars Backstage”


NG:Die Würth Gruppe erwirtschaftete 2016
mit 11,8 Milliarden Euro einen neuen Umsatzrekord. Im Betriebsergebnis weist
Würth mit 17,1 Prozent ein zweistelliges Wachstum aus. Das Betriebsergebnis
beträgt 615 Millionen Euro, was einer Steigerung zum Vorjahr von 17,1 Prozent
entspricht. Mit mehr als 400 Gesellschaften in 80
Ländern, über 72.000 Mitarbeitern, davon 32.000 im Außendienst, ist Würth der
Weltmarktführer im Bereich Handel mit Montage- und Befestigungsmaterial.
Der Aufbau der Würth Gruppe ist das Lebenswerk von Professor Doktor Reinhold Würth. Die Firma wurde 1945 in Künzelsau gegründet. Nach dem frühen Tod des Vaters
im Jahr 54 übernahm Reinhold Würth als 19-jähriger den damaligen zwei Mann
Betrieb. Von den frühen Anfängen her hat Reinhold Würth eine Unternehmenskultur
geprägt, die auf Grundwerten wie Optimismus, Dynamik, Hochachtung vor den
Menschen und ihren Leistungen, sowie aktiven Einsatz für die Kunden basiert
und die ein maßgeblicher Erfolgsmotor für Familienunternehmen ist. Heute ist
Professor Würth der Vorsitzende des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe
und ich freue mich sehr, dass Sie sich heute Zeit genommen haben für dieses
Interview. Und mich würde persönlich direkt interessieren: Ist denn Ihr Beruf
Ihre Leidenschaft -das Verkaufen- und wann haben Sie das entdeckt? RW: Also
zunächst mal sind Ihre Zahlen komplett veraltet. Wir haben jetzt gleich das Jahr
2017 rum und werde dieses Jahr 2017 mit neuem Rekord abschließen.
Mit 12,6 – 12,7 Milliarden Euro Umsatz. Und Verkaufen gehört eigentlich zu meinem Leben. Für mich ist der Verkäuferberuf sowieso der Schönste, den es überhaupt gibt. Weil man
permanent mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenkommt. Das ist
unglaublich, was auf Gottes Erdboden unterwegs ist an Charakteren. Was sehr
schön ist, man kann sich als Verkäufer eine sehr ausgeprägte Menschenkenntnis
aneignen. Ich bin jetzt immerhin im 83 Lebensjahr. Wenn man nach Jahrzehnten als
Kaufmann, ich bin jetzt immerhin – habe am ersten Oktober mein 68. Berufsjahr
begonnen- wenn man in dieser Zeit mit so vielen
Menschen zusammen war, dann kann man recht schnell einschätzen,
mit wem man es zu tun hat. Ob das ein Großsprecher ist, ob das ein Sanguiniker ist, ein Choleriker, einer auf den man sich verlassen kann und das empfinde
ich als sehr sehr schön. NG: Sie wurden ja als 19-jähriger mehr oder
weniger ins kalte Wasser geworfen. Waren Sie vorher schon in der Firma Ihres
Vaters mit, als “Stift” (Auszubildender) oder haben Sie quasi schon erste Eindrücke gekriegt
oder war das wirklich von der Schule direkt in die Firma? RW: Mein Vater hat mich
nach den acht Pflichtschuljahren von der Schule genommen.
Ich war in der damaligen Oberschule für Jungen, hieß das in Künzelsau, hätte als
Grundausbildung eigentlich sechs Jahre dort verbringen müssen bis zur mittleren
Reife, aber nach den vier Jahren sagte der Vater “Der Kerle soll nicht auf der
Schulbank rum rutschen, der soll was schaffen.” Und das war eine unglaublich kluge Entscheidung für die ich meinen Vater heute noch posthum dankbar bin. Weil er natürlich nicht ganz gesund war.
Er war auch nicht Soldat, weil er einen Herzfehler hatte und vielleicht doch
vermutet hatte, dass eine Lebensspanne nicht sehr lang sein würde.
Er hat mir dann, ich habe die kaufmännische Lehre dann gemacht von
1949 bis 52 und hat daneben bis zu seinem Tod 1954 noch mit ihm zusammen
gearbeitet. Also er hat mich fünf Jahre lang wirklich toll ausgebildet, hat mir all
seine Kenntnisse, sein know-how übertragen, so dass ich ganz gut
ausgerüstet war. Er hat mich beispielsweise schon als 16
jähriger dann 14 Tage nach Düsseldorf und Essen gejagt und hat gesagt “Jetzt gehst
du mal verkaufen”. So als 16 jähriger Bub bin ich sicher, dass mir mancher Kunde
nur einen Auftrag gegeben hat, weil da so ein Bubi daherkamen um Schrauben zu verkaufen. Aber nach den zwei Wochen kam ich mit netten Aufträgen nach Hause. Und das sind dann die ersten Erfahrungen schon mit 16 gewesen als Außendienstler, die ich dann
unglaublich gut gebrauchen konnte natürlich in der Zeit des Aufbaus.
Ich war den ersten Jahren immer mit 120 tausend Kilometer pro Jahr unterwegs in
der Republik, hab Kunden besucht, habe Aufträge gemacht und ja so ist das
Unternehmen dann von Jahr zu Jahr gewachsen, haben dann Verkäufer eingestellt und ich konnte natürlich die Zeit des
Deutschen Wirtschaftswunders nützen. Nach dem zweiten Weltkrieg war das Land
zerstört. Man brauchte Befestigungsmaterial ohne Ende, so dass
das Verkaufen kein großes Problem war. NG: Wann sind Sie dann ins Ausland
expandiert? Das heißt, Sie haben ja irgendwann wahrscheinlich Wachstum in
Deutschland und haben gesagt jetzt schaue ich mal außerhalb der Grenzen? RW: Ja, also auch das habe ich von meinem Vater übernommen. Der war ja schon in dieser
Schraubenbranche 25 Jahre lang tätig und er hatte bei seinem früheren
Arbeitgeber schon Kunden in der Schweiz besucht und akquiriert, so dass das für
mich nichts besonderes war. Auch mein Vater ist mit mir in die Schweiz gereist.
Also wir hatten schon Kunden in der Schweiz. Und so habe ich seit 1962 die erste Auslandsgesellschaft in Deutschland
gegründet. Kurz darauf dann in der Schweiz, in Österreich und in Italien.
Heute sind wir in 80 Ländern mit eigenen Verkaufsgesellschaften tätig. NG: Ab wann
würden Sie jemandem raten, ins Ausland zu expandieren? Wenn er quasi beide Beine
solide in Deutschland hat oder sagen Sie, geht direkt raus in die Welt, weil da
gibt es ein riesen Markt? RW: Ach, das kann man so nicht beantworten. Ich meine, das muss
in jedem Fall neu definiert werden und es kommt darauf an, wie die Marktchancen im
Inland sind, es kommt darauf an, wie die Finanzmittel vorhanden sind, um überhaupt
expandieren zu können und auch wie die Marktgegebenheiten im jeweiligen Ausland
sind. Also diese Frage kann man nicht generell beantworten. Das muss man von
Fall zu Fall entscheiden. NG: Haben Sie denn ein Motto, das Sie
antreibt, dass Sie heute mit 83 Jahren, wo Sie ja sagen könnten,
ich genieße meinen Ruhestand, kommen Sie trotzdem immer noch liebend gern in die
Firma? RW: Ja ich bin noch keine 83. 82 1/2. 🙂 Natürlich empfinde ich dieses
Unternehmen ja schon ein bisschen als mein Baby sozusagen, als mein Kind. Und so wie man mit seinen Kindern, wie wir in unserer Familie auch, wir haben ja drei
Kinder und fünf Enkelkinder und eine Urenkeltochter schon wie man mit denen
und permanent verbunden ist und wenigstens so täglich wöchentlich mal
telefoniert, wie geht es euch, was macht ihr so, ist natürlich so ein Unternehmen was
man von zwei Mann angefangen hat, ich habe ja den Betrieb 1954 mit zwei
Mitarbeitern übernommen und hab das dann eben aufgebaut und habe das begleitet. Dann sind sie einfach mit so einem Gebilde verbunden und natürlich in
meiner heutigen Position als Stiftungs- aufsichtsratsvorsitzender bin ich ja
nicht mehr im Tagesgeschäft so drin, aber mein Anliegen ist natürlich trotzdem
diesem Unternehmen auch eine gute Zukunft zu sichern. Ich möchte also das Unternehmen krisensicher machen für die zeit nach
mir und es wird ja irgendwann in aller nächster Zeit passieren.
Das Unternehmen hat jetzt schon seit 20 Jahren ein Rating von Standard & Poor´s mit A Stabil, haben eine Eigenkapitalquote, die bei 49 Prozent
liegt. Also das Unternehmen ist sehr solide aufgestellt und das wollen wir in
die Zukunft hinein auch so fortsetzen. Allerdings ist ganz klar, ein Unternehmen
muss sich bewegen. Ein Unternehmen kann nur weiter existieren, wenn es nicht auf
der Stelle tritt, wenn es sich weiter entwickelt, wenn durch Akquisitionen oder
durch eigene Entwicklungen weitere Umsätze aufgebaut und generiert werden.
Das gehört einfach zur Lebensäußerung eines gesunden Unternehmens dazu. Da sind wir so glaub ich, auf einem guten Weg. NG: Wie haben sie es in all den Jahren geschafft,
so toll das Familiäre und quasi das Geschäftsleben zu balancieren,
weil Sie haben sehr sehr viel Einsatz gebracht und wie haben Sie es persönlich
gemacht zu sagen, Sie sind jetzt nicht nur in der Firma, sondern Sie geben auch
der Familien einen gewissen Teil Ihrer Zeit? RW: Ja gut, ich bin ja jetzt im 62. Jahr mit
meiner lieben Frau verheiratet. Das ist eine ganz schön lange Zeit, mein lieber Mann. Und es war eine schöne Zeit. Wir hatten auch mal eine Krise, weil dass lies sich
auch nicht auszuschließen, dass es so was mal gibt. Aber meine liebe Frau war eben
der Anker möchte ich mal sagen, so die Anchorage für die ganze Familie
und man kann sie schon sozusagen als Stammmutter bezeichnen. Und
sie ist heute noch eigentlich der Mittelpunkt der Familie und wir alle
freuen uns, wenn wir zusammen sind. Allerdings hat die Kindererziehung, die
Betreuung der Kinder natürlich zu 90 Prozent natürlich meine Frau übernommen. Also sie hat mir
sehr sehr viel Zeit überlassen für das Unternehmen und das war natürlich auch
mein Hauptanliegen, dieses Unternehmen voranzubringen. Ich habe heute noch oft 12 – 14 stündige Arbeitstage. Ich bin gestern Abend erst
um 10 Uhr nach Hause gekommen von einer Weihnachtsfeier von der Würth Finanz in Rorschach in der Schweiz. Heute morgen habe ich schon um 8 Uhr wieder beim VK1 einen neuen Rekord mit
den Mitarbeiter gefeiert, habe denen gratuliert zu einem neuen Umsatzrekord.
Also ich bin noch relativ aktiv. NG: Denken Sie, Sie hätten den
ganzen Erfolg ich sag mal kreieren können, wenn Sie Ihre liebe Carmen nicht gehabt hätten? Also wie wichtig denken Sie, ist eine
solide Partnerschaft, eine solide Ehe, dass jemand da ist, der einem wirklich
den Rücken freihält? RW: Ja also, diesen Spruch kennt ja jeder:
Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine starke Frau. Das wissen Sie ja am besten. Und so ist es bei uns natürlich auch. Meine Frau hat
sich in den letzten Jahren auch sehr stark emanzipiert möchte ich mal sagen.
Sie hat sich unglaublich engagiert in der Behindertenpflege und Behindertenbetreuung, hat er viele Aktivitäten unternommen, hat zum Beispiel
auch einen Stiftungslehrstuhl an der Technischen Universität in München
finanziert und sie macht da sehr viel. Ich
unterstütze das und freue mich und bin öfters auch dabei, wenn Sie ein Interview
gibt oder wenn Sie einen Vortrag hält. Und ja, so unterstützen wir uns
gegenseitig. NG: Wenn die Unterstützung jetzt nicht da wäre und es käme ein junger
Unternehmer auf Sie zu und sagt: “Meine Partnerin hat leider eine ganz andere
Vision und meine Vision, z.B. mit der Firma ist eben in die eine Richtung und Ihre
Richtung ist eine Andere”, was würden Sie dem raten? RW: Tja, ich bin ja kein Eheberater.
Also auch da kann ich nichts dazu sagen. Das muss individuell jeweils gesprochen
werden und diskutiert werden. Das muss abgewogen werden und meiner
Ansicht nach ist natürlich der familiäre Part schon primär zu sehen und ich habe
da volles Verständnis, wenn beispielsweise wir im Unternehmen ab und
an unglaublich tüchtige junge Leute haben, denen man eine wunderbare Karriere anbieten könnte, irgendwo im Ausland, aber dann heißt es, die Partnerin, die Frau,
die Familie wollen unter keinen Umständen hier weg und das muss man respektieren. So treffen manche
Menschen eben eine Entscheidung zugunsten der Familie, zu Lasten einer
noch schneller wachsenden Karriere. Wie gesagt, das respektiere ich und wird
vermutlich auch richtig sein. NG: Sie haben vor vielen Jahren mal einen Satz gesagt, über den ich heute immer noch schmunzle. Als ich Sie gefragt habe, was
wäre so ein Wunsch, den Sie in Zukunft haben. Und wenn ich mich recht entsinne
haben Sie gesagt, irgendwann mal, wenn die Zeit noch weiter fortgeschritten ist,
dann schmeiß ich die Postkoffer über Bord. Sie bekommen heute ja noch Massen an Post und Briefen. Gibt es denn für einen Reinhold Würth auch eine eine komplette
Auszeit, wo Sie sagen, kein Handy, kein Postkoffer, gar nichts? Nur ich, nur meine
Carmen, nur die Familie? RW: Es gibt es eigentlich nicht. Selbst wenn
ich mit meinem Boot unterwegs bin, habe ich hier meine Postkoffer dabei und
diktiere die Post und schicke die per Internet hierher ins Sekretariat, so dass manche
Briefschreiber schon am nächsten Morgen die Antwort haben und wundern sich, wie
das geht, wenn ich halt in Neuseeland unterwegs bin von der Zeitzone her,
kann das dann sein, dass schon ein paar Stunden später die Antwort auf dem Tisch liegt. Sie werden das einfach nicht los und ich
mein, einmal ist sowieso Ende. Wissen Sie, die Verantwortung
treibt mich eben schon ein bisschen. 74.000 Arbeitsplätze sind ja der Volkswirtschaft gesehen eine
Petitesse, aber wenn dann Siemens eben in seinem
Großturbinenbau in diesen Tagen 5.000 Arbeitsplätze abbauen will, dann ist das
sogar ein Politikum, wo sich die Bundesregierung einmischt.
Also man sieht, wie wichtig auch die Arbeitsplätze sind und diese
Verantwortung empfinde ich schon dem Artikel 14 des Grundgesetzes folgend
eben diese soziale Verpflichtung des Eigentums und insofern ist mir auch eben
eine Sorge, dass wir die Arbeitsplätze sicher halten, die Arbeitsplätze erhalten
und vielleicht noch einige Neue schaffen. NG: Ist das auch Teil Ihres Antriebs,
weil viele Menschen, die Ihr Arbeitspensum hätten, die wären ja neudeutsch
gesprochen, schon lange im Burn-Out, aber Sie haben so einen unheimlichen
Burn-In und so eine Kraft. Liegt das mitunter eben an diesen über 70.000
Menschen, dass sie sagen, ich habe die Verantwortung? RW: Ja, damit hat es sicher zu
tun und wissen Sie, es macht natürlich auch Spaß. Also ich hab ja früher öfter mal gesagt, dieses Unternehmen ist eigentlich
meine elektrische Eisenbahn und wenn dann da drei Züge fahren und stoßen
nicht zusammen und man kann das alles schön steuern, das ist ein sehr schönes Gefühl,
wenn dann wieder ein Jahr gelaufen ist erfolgreich, nicht weil da jetzt noch
ein paar hundert Millionen Eigenkapital zuwachsen, sondern einfach es ist gelungen, man konnte die Ziele erreichen. Das ist ein Wert in sich und dieses
Gefühl möchte ich natürlich auch nicht missen. NG: Was war denn in all Ihren Jahren
der Arbeit ihr größter und vielleicht auch schmerzhaftester Lerneffekt und
was haben Sie daraus gelernt? RW: Also da fällt mir jetzt gar nichts ein.
Ich meine natürlich hat es auch Niederlagen gegeben im Unternehmen. Aber keine war für die Existenz gefährdend. Ich meine, vor Jahrzehnten, in den 70er Jahren hatte ich
mal eine Würth Bau gegründet, also ein Bauunternehmen. Das hatte in seiner
besten Zeit über 300 Mitarbeiter. In der folgenden Baukrise habe ich das dann
zugemacht – mit 10 Millionen D-Mark Verlust, habe aber natürlich alle
Schulden des Unternehmens bis auf den letzten Pfennig bezahlt. Habe auch die
Mitarbeiter unterstützt, neue Arbeitsplätze zu finden. Wir haben damals
herumtelefoniert und haben versucht, Arbeitsplätze zu finden für die Menschen, so
dass das eigentlich sehr geordnet über die Bühne gegangen ist und alle Baumängel wurden restlos beseitigt. Also aber das war natürlich doch ein Erlebnis, wo ich
mir erneut diesen Spruch wiederbelebt hatte: Wachstum ohne Gewinn ist tödlich.
Und das ist mein Motto geblieben bis heute. Also das ist ganz wichtig, wenn man
wächst ohne Geld zu verdienen, kann das nur in den Ruin führen. NG: Vor einigen Wochen habe ich einen amerikanischen Pastor gehört der gesagt
hat, “Life does not happen to you, life happens for you”. Quasi, das Leben passiert ja nicht einfach, es passiert für dich. Glauben Sie denn persönlich an
eine höhere Macht und falls ja, was für einen Einfluss hat das auf Ihr Leben und
auch auf Ihr Arbeiten? RW: Ja gut, ich bin von der Familie her schon sehr religiös
erzogen worden. Und wenn ich mir die ganze Schöpfung
anschaue, ist einfach undenkbar, dass das aus dem nichts einfach entstanden ist, so
irgendwie halt über Millionen, Milliarden Jahre Evolution. Wenn ich mir nur den menschlichen Körper mit seiner unglaublichen Komplexität, mit
den unterschiedlichen Organen anschaue, das ist so ein unglaubliches Wunderwerk,
dass da ein Schöpfer dahinter stehen muss. Selbst wenn er das hätte über Darwinschen Theorien, über die Evolution hätte wachsen lassen, müsste trotzdem eine
ordnende Hand dahinter gestanden haben. Und so brauche ich keinen Gottes Beweis.
Das der liebe Gott existiert, ist für mich 100 prozentig Tatsache und
insofern glaube ich auch, dass solch ein allumfassender Gott sich um seine
Geschöpfe kümmert. Und der Martin Luther hat ja mal gesagt “Am Segen des Herrn ist alles gelegen”. Ich glaube schon, dass da ein
bisschen was dran ist und also ich bin jedenfalls auch dem lieben Gott dankbar, dass ich jetzt mit fast 83 Jahren noch eigentlich so gesund und munter
rumspringen kann, ohne dass mir was wehtut. Meine Frau, die behauptet immer wieder,
sie schreibt auf meinen Grabstein “I merk nix”, also “Ich merke nichts”
und ja, schauen wir mal, was die Zukunft noch bringt. NG: Ja, das ist die Leidenschaft, die Sie
antreibt. Herr Würth, wie schaffen Sie es, dass Sie die vielen Aufgaben, die Sie auch heute noch haben und diese auch früher hatten, die
zu priorisieren. Wo sagen Sie, da fange ich zuerst an, weil ja viele sagen, ich
bin wie man neudeutsch sagt overwhelmed so übermannt mit den ganzen Aufgaben die auf mich einkommen. Wie haben Sie es immer geschafft, da eine Struktur reinzubringen
für sich? RW: Nun gut, man muss natürlich schon überlegen, dass man
Prioritäten setzt. Da gibt es dann verschiedene Stufen der Importanz. Ich meine, wenn ich zwei Einladungen habe eine sagen wir, hier von der Würth KG beispielsweise von einem Geschäftsniederlassungsleiter,
eine neue Niederlassung mit einzuweihen und auf der anderen Seite findet
irgendwo ein Kongress mit 2.000 Mitarbeitern statt,
dann gehe ich natürlich dorthin, wo die 2.000 sind, weil ich meine Gedanken dort
besser multiplizieren kann. Ich habe also immer auch schon drauf
geschaut, möglichst viele Menschen zu erreichen mit meinen Gedanken, mit meinen Aussagen. Das ist dann die Priorisierung der
Importanz. NG: Also immer zu schauen, was ist jetzt wirklich wichtiger und was ist
dann im Endeffekt wie Sie vorhin gesagt haben, Wachstum ohne Gewinn ist tödlich.
Also was ist auch gewinnbringend und mit den Aufgaben anzufangen. RW: So ist es. NG: Haben Sie denn ein Lieblingswort? RW: (Lacht) Habe ich nicht. NG: Ich habe gedacht, weil Ihr Schiff heisst ja Vibrant Curriosity, vibrierende Neugierde und ich glaube Sie sind von
Grund auf ein tief neugieriger Mensch. Sie wollen wissen, was ist hinter
dem nächsten Tal, hinter dem nächsten Berg. RW: Ja, das ist richtig. NG: Würden Sie sich
selber er als Kopf- oder als Bauchmensch einschätzen? Das heißt, sind Ihre
Entscheidungen sehr rational oder sagen sie, nö, ich höre schon auf meinen Bauch? RW: Es ist eine Kombination aus Beidem. Einmalig ist mehr der Kopf, die
vernünftige Ratio, aber in anderen Fällen lasse ich mich auch mal von der
Bauchentscheidungen bestimmen möchte ich mal sagen. Und das haben ja auch
empirische Studien ergeben, oft sind die Resultate gar nicht so
unterschiedlich, ob man das jetzt mathematisch mit dem Kopf alles
analysiert oder ob man sich von seinem Eindruck, den man sich über Gespräche,
über das Sammeln von Informationen geschaffen hat, dann
das Subsumiert und am Ende daraus dann eine Entscheidung trifft, gar nicht so
unterschiedlich. NG: Jetzt durfte ich ja über 24 Jahre in der Würth-Gruppe auch
mitarbeiten und habe Sie auch sehr oft auf einer Bühne erleben dürfen und habe
festgestellt, nur an einem Vortrag hatten Sie kleine Kärtchen dabei. Ansonsten
haben Sie immer quasi aus dem Bauch und natürlich auch aus dem Kopf heraus
erzählt und das immer sehr leidenschaftlich.
Haben Sie denn für sich selber eine Lieblingsgeschichte, wo Sie sagen, die
zitiere ich immer wieder und die Sie gern mit uns teilen wollen? RW: Das kommt natürlich immer auf den Teilnehmerkreis an. Aber eine
Lieblingsgeschichte eigentlich nicht. Ich meine solche Kernsätze wie “Wachstum ohne
Gewinn ist tödlich” oder der dümmste Spruch den ich kenne ist “Wissen ist
Macht”. Weil Sie können noch so viel Wissen im
Kopf haben. Wenn Sie nichts damit machen, bedeutet das überhaupt keine Macht. Sie
müssen eben dann die Ärmel hinter krempeln und müssen mit diesem Wissen was sie
haben auch etwas anfangen. Nur dann wird es zur Macht. NG: Jetzt haben ja heutzutage sehr viele Menschen einen Mentor, jemand der quasi nach ihnen
schaut, der sie berät. Hatten Sie denn ausser externen Beratern einen Mentor in Ihrem
Leben? RW: Nicht gerade Mentoren, aber Berater hatte ich natürlich schon und Vorbilder
vor allem. Also ich habe immer wieder gesagt, eines meiner
Lebensvorbilder ist und war Theodor Heuss Der Bundespräsident damals, der
hoch intelligent war, hoch professionell, aber auch ein Mensch der mal einen Witz gemacht hat, der sich selbst nicht so ganz wichtig und nicht so ganz ernst genommen hat. Das lag mir sehr nahe. Und dann auch Hans Merkel, der frühere Chef von Bosch war mir immer ein Vorbild, so in Pflichterfüllung und
auch kaufmännisch zum Erfolg. Dann habe ich natürlich auch viel gelernt von
Bruno Tietz, dem Professor für Handel an der Universität Saarbrücken damals. Ihn
hatte ich eingeladen, den Vorsitz in meinem neu gegründeten Beirat zu
übernehmen. Er hat die Aufgabe auch dann, ich schätze 15 Jahre lang, innegehabt als Stiftungs-, also nicht als Beiratsvorsitzender. Von ihm
habe ich sehr viel an kaufmännischem Wissen noch dazu gelernt. Ja, das war´s eigentlich. Dann habe ich natürlich auch viel gelesen. Habe auch mal Seminare besucht, so von Tom Peters und
so. Also habe ich immer versucht, aus den verschiedensten Quellen und Kanälen
zusätzliche Gedanken und Ideen aufzunehmen. NG: Vor einigen Jahren gab es mal einen internen Marken Slogan, als das Logo und
die Marke ein bisschen angepasst wurde und den finde ich heute noch einen der
Besten, den ich je gehört habe. Der lautete damals: “Wir unterstützen
unsere Partner mit leidenschaftlichem Einsatz und ständig verbesserten
Leistungen, damit diese sich auf ihr Geschäft
konzentrieren können.” RW: Das ist aber ein langer Logo Satz. NG: Ja das stimmt.
Ich finde, da ist alles drin. Sie sehen die Kunden als Partner und nicht als
Kunden. Zu sagen, wir sind leidenschaftlich, wir verbessern ständig
unsere Leistungen und helfen im Endeffekt dem Handwerker, dass der sich
auf sein Geschäft konzentriert. Und deswegen würde mich interessieren, was Ihrer persönlichen Meinung nach sind denn drei ganz wichtige Attribute, um erfolgreich
zu sein? RW: Ja nun, zunächst mal Berechenbarkeit
natürlich und das Bemühen, Vertrauen zu schaffen und Vertrauen zu pflegen,
Vertrauen zu vertiefen und eben eine gute Leistung zu bringen.
Eine Top Qualität zu bieten, dem Kunden und die Dienstleistung, die wir betreiben
ist ja, hoffe ich, gut bekannt im Land. NG: Und in der Welt. RW: Und in der Welt. NG: Die letzte Frage Herr Würth: Was tun Sie jetzt aus Ihrer Position noch, Sie haben vorhin gesagt, um dieses Schiff weiter nach vorne zu bringen, um es sicher zu machen für die
Mitarbeiter, für die Kunden. Was sind Ihre persönlichen Dinge, die Sie
jetzt noch rein geben, wo Sie sagen, damit es wird wirklich für die nächsten 15
Jahre aufgestellt. RW: Die wichtigste Aufgabe, die ich eigentlich heute sehe ist, die Arroganz vom Unternehmen fernzuhalten. Immer wieder zu warnen, dass sich der
Betrieb die Menschen, das Unternehmen von der Macht des Erfolgs korrumpieren lässt.
Also das ich mir ganz großes Anliegen, dass das Unternehmen bescheiden bleibt,
dass das Unternehmen als freundlich wahrgenommen wird, als hilfsbereit. Eben
als Dienstleister im wahren Sinn des Wortes zu dienen und leisten.
Ich hoffe, dass ist ganz gut gelungen bis jetzt und ich glaube auch, dass das einer
der Gründe war für unseren Erfolg in all diesen über 70 Jahren, die das
Unternehmen jetzt hinter sich hat. Dankbarkeit war eine meiner wichtigen
Vokabeln, mit denen ich sehr viel unterwegs bin und unterwegs war.
Die Menschen vergessen das nicht und wenn eben gut gearbeitet wird, dann ist
Dankbarkeit, Lob, Anerkennung unglaublich wichtig. Ich habe vorhin schon gesagt, ich
war vorhin noch bei den Mitarbeitern vom Vertriebskanal 1. Das sind die
Telefonverkäufer, die also die kleineren Kunden am Telefon bedienen. Die haben
einen neuen Umsatzrekord gemacht im November und dann war der Herr Heckmann, der Geschäftsführer von der Würth KG dort, der direkte Vorgesetzte, der Herr Brandner. Die haben geredet und dann habe auch ich meinen Dank, meinen Respekt, meine Hochachtung
zum Ausdruck gebracht, dass die da im November mit 20 Prozent gewachsen sind,
einen neuen Umsatzrekord aufgestellt haben. Das sieht man den Menschen an, die sitzen
da und freuen sich und machen den Smiley, weil jetzt der oberste Mensch da vom Konzern morgens um acht Uhr da steht, um dank zu sagen. Mit diesem Stil ist das Unternehmen groß
geworden und ich hoffe, dass der Stil auch über meine Zeit hinaus beibehalten wird. Dann kann es dem Unternehmen gar nicht schlecht gehen. NG: Wunderbar. Herr Würth, vielen
lieben Dank für Ihre Zeit, für die weisen Worte und ich wünsche Ihnen natürlich
auch persönlich alles Gute für die Zukunft und hofft, dass irgendwann die
Zeit kommt, wo weniger Postkoffer kommen und Sie auch wirklich Ruhe finden
und sagen, jetzt genieße ich auch mein Leben. Dankeschön.

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